Ein Rückblick auf 30 Jahre Kontrapunkt-Konzerte
von Martin Blankenburg

Am 20. Januar 1988 – also vor mehr als 30 Jahren - eröffneten wir unsere Konzertreihe mit dem festlich gestimmten Blechbläserensemble Ludwig Güttler. Die DDR existierte noch. Deren offizieller Vertreter in der damaligen Ständigen Vertretung in Bonn unterstützte die Idee und die Konzeption, das aktuelle Musikleben der traditionsreichen Stadt Dresden in der Kölner Philharmonie zu präsentieren.

Die erste Konzertsaison von Januar bis Juni 1988 stieß auf großen Publikumszuspruch; die Grundlage hierfür bildeten die Abonnenten, so dass wir bereits ab Herbst/Winter 1987 wagten, eine weitere Konzertsaison zu planen. Eine vage Zusage drohte aber, das sechste Konzert der 1. Reihe am 30. Juni 1988 mit dem Dresdner Kreuzchor unmöglich zu machen: ein Konzertagent hatte uns gesagt, dass der Dresdner Kreuzchor zu den Festspielen nach Bad Kissingen fahren werde, und da könnten wir uns „einklinken“. Diese Reise war aber noch nicht von der DDR-Künstleragentur genehmigt worden, und als diese dann Mitte 1987 von unserer Ankündigung eines Kreuzchor-Konzerts in Köln erfuhr, fühlte man sich übergangen. Wir setzten alles daran, eine Zusage zu erhalten: wir kontaktierten die Ständige Vertretung in Bonn, wir sprachen Politiker an, von denen wir glaubten, sie hätten einen guten Draht nach Ost-Berlin. Zunächst vergebens, zumal für die Zustimmung zu dieser Konzerttournee auch noch das Ministerium für Volksbildung (Margot Honecker) nötig war. Die rettende Idee kam durch die Meldung, dass Johannes Rau – damals Ministerpräsident von NRW – Anfang Januar 1988 zu einer Beuys-Ausstellungseröffnung nach Ost-Berlin reisen und dort Erich Honecker treffen werde. Über die Kölner Ministerin Anke Brunn wurde Johannes Rau dieser Vorgang vorgelegt. Er hat Erich Honecker gegenüber, der damals an guten wirtschaftlichen Kontakten zur BRD interessiert war, das geplante (und noch nicht genehmigte) Gastspiel des Dresdner Kreuzchores in Köln zur Sprache gebracht. Die Zusage erfolgte umgehend. Der zuständige Direktor der DDR-Künstleragentur, den wir dann bei dem ersten Konzert der Dresdner Philharmonie Anfang März 1988 in Köln trafen, konnte es sich nicht verkneifen, diese Vorgehensweise zu kritisieren. Der Erfolg der Kruzianer am 30. Juni 1988 war riesig: über 90 Minuten mit geistlichen und weltlichen a-Capella-Werken, hauptsächlich aus der Romantik, brachten Standing Ovations und eine Zeitungsüberschrift „Musik aus dem Himmel“. Kaum jemand hat wohl geahnt, dass dieses Konzert lange nicht gesichert gewesen war und viele Aufregungen im Hintergrund verursacht hat.

Hieß die erste Konzertreihe noch „Musikstadt Dresden“, so folgte dann für die zweite der Titel „Musikstadt Leipzig“ und dann 1989/90 – schon etwas mutiger: die DDR existierte zwar noch, aber Veränderungen deuteten sich an: »SACHSENS GLANZ«. Die Resonanz war auch wegen des Spannungsmoments, das infolge der Teilung Deutschlands unsrer Konzertreihe innewohnte, sehr groß. Als plötzlich die DDR in Riesenschritten ihrem Ende entgegenging und das quasi „exotische politische“ Moment verschwand, tat diese unvorhersehbare positive Entwicklung – glücklicherweise - unserer Konzertreihe keinen Abbruch, im Gegenteil: der Zuspruch für die Musiker und Orchester aus dem „Osten“ blieb unverändert bestehen.

Der damals kreierte und bis heute gültige Obertitel: SACHSENS GLANZ wurde in den 90iger Jahren dann erweitert durch: .... und RUSSISCHE ROMANTIK oder ... und GOLDENES PRAG oder ...und THÜRINGENS SCHÄTZE oder .... und KLANGRAUM DONAU oder ....und POLENS AUFBRUCH, um noch einige zu nennen. Geblieben ist dabei die ursprüngliche Intention, sich auf die musikalische Welt in den Neuen Bundesländern und in den nach dem westlichen Europa hineinwachsenden östlichen Ländern, die uns kulturell so nahe stehen, zu konzentrieren. Wir wollen auch mit dieser Intention ein wenig für die so wunderbaren Kulturstädte im Osten werben. Es wird immer spannender, nach Dresden oder Leipzig zu reisen, aber auch Krakau, Riga, Tallinn, St. Petersburg und — nicht zuletzt — Prag sind Städte von ungeheurer und dichter Atmosphäre. Die Musiker aus diesen Städten und Ländern könnten als Botschafter ihrer spannenden Vergangenheit und Tradition angesehen werden, sie können (und sollen) die Lust wecken, diese Traditionsstädte zu besuchen.

Die ursprüngliche Anzahl von 6 Konzerten wurde allmählich durch Sonderkonzerte in der Weihnachtszeit und ab 1999 durch eine 2. Konzertreihe mit dem Titel „Metropolen der Klassik“ erhöht. In mancher Saison gab es 13 klassische und 4 Spezial-Konzerte. Insgesamt sind es bis zum heutigen Tag mehr als 350 gewesen. Wer hätte das gedacht?

Durch die ständige Präsenz der verschiedenen Klangkörper, z. B. aus Dresden und Leipzig, genießt die Kölner Philharmonie andererseits „drüben“ einen exzellenten Ruf: Atmosphäre, Akustik des Hauses, aber auch die vielfach empfundene Freude an der Musik durch das Publikum werden immer wieder ausdrücklich von den Musikern gepriesen (trotz Hustern).

Es gab in den vergangenen Jahren — so darf man einmal sagen — in unseren Reihen von vielen als wunderbar erlebte Konzerte mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur und Herbert Blomstedt, mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Colin Davies, Guiseppe Sinopoli und Daniel Harding, mit der Dresdner Philharmonie unter Marek Janowski, Rafael Frühbeck de Burgos und Michael Sanderling, mit Ludwig Güttler und seinen verschiedenen Ensembles, mit Solistinnen/Solisten wie Janine Jansen, Baiba Skride, Peter Schreier, Grigorij Sokolov, Michael Sanderling, Katrin Scholz, Igor Oistrach, Bernd Glemser, Jan Vogler, Daniel Müller-Schott, Elena Bashkirova u.a., und mit den beiden weltberühmten Knabenchören, dem Leipziger Thomanerchor und dem Dresdner Kreuzchor, und auch – dem Nachwuchs und der Jugend Achtung erweisend: - mit der Deutschen Streicherphilharmonie und der jungen Carl-Maria-von-Weber-Philharmonie aus Dresden, die beide * den hohen Standard musikalischer Ausbildung verkörpern. Und nicht vergessen wollen wir die osteuropäischen Orchester aus Prag, Wroclaw, Katowice, Warschau, Tallinn, Vilnius, Kiew, St. Petersburg, Moskau bis hin nach Kasachstan (u.a.), die den Vergleich mit Orchestern aus anderen Ländern nicht zu scheuen brauchen.. Die Programme, die wir — mit Ausnahme bei den ganz großen Orchestern — beeinflussen können, versuchen wir unter dem Aspekt, der den Eingang des Leipziger Gewandhauses schmückt, „Res severa verum gaudium“ — frei übersetzt: „Eine ernste Sache ist wahrhafte Freude“ — zu veranstalten. Natürlich kann man nicht alle Geschmäcker treffen, aber als Grundmotiv soll doch das Wahre-Freude-Bereiten im Vordergrund stehen.

Die (mehr als) 30 Jahre der Kontrapunkt-Konzerte sind von einem unvermuteten Erfolg geprägt! Zu diesem „Erfolg“ haben aber auch die Autoren der Programmhefte Eberhard Rudloff, Robert Nemeczek und seit 1992 in ganz besonderer Weise OLAF WEIDEN beigetragen. Für den Background am Konzerttag sorgt seit Anbeginn Dr. Stephan Schmitz, im Büro sind für Sie Carolin Schweitzer und Norbert Hallerbach tätig, die mit viel Engagement und Freude ihren Job machen. Ihnen allen sei einmal öffentlich gedankt!

Wir danken Ihnen für Ihre lebhafte Zustimmung in der Vergangenheit! Für die Zukunft hoffen wir: Möge die Freude an unseren Konzerten noch lange währen!

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